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Jetzt beginnt die Wurzelzeit – woran du erkennst, dass Wurzeln erntereif sind

Autorenbild: Astrid Hasselmann
Astrid Hasselmann
vor 6 Tagen
7 Min. Lesezeit
Frisch ausgegrabene Wurzeln mit grünen Blättern auf einer rustikalen Holzoberfläche.

Im September verändert sich die Pflanzenwelt langsam. Viele Blüten verschwinden, Samenstände reifen aus und erste Blätter verlieren ihr kräftiges Grün.

Während es oberirdisch ruhiger wird, beginnt unter der Erde eine besonders spannende Zeit: die Wurzelzeit.


Doch bedeutet September automatisch, dass jetzt jede Wurzel ausgegraben werden kann? Ganz so einfach ist es nicht. Der passende Zeitpunkt hängt von der Pflanzenart, ihrem Entwicklungsstand, dem Standort und natürlich auch vom Wetter ab.

Viel hilfreicher als ein festes Datum ist deshalb die Frage:

Was zeigt uns die Pflanze selbst?


Warum Wurzeln häufig im Herbst gesammelt werden

Mehrjährige Pflanzen durchlaufen im Laufe des Jahres verschiedene Entwicklungsphasen.

Im Frühjahr treiben sie neu aus. Im Sommer stehen Blätter, Blüten und Samenbildung im Mittelpunkt.Gegen Ende der Vegetationsperiode beginnt die Pflanze schließlich, sich auf die kommende Ruhezeit vorzubereiten.

Viele mehrjährige Pflanzen speichern Reservestoffe in ihren unterirdischen Pflanzenteilen. Deshalb werden verschiedene traditionell genutzte Wurzeln bevorzugt im Herbst oder im sehr zeitigen Frühjahr gesammelt.

Der Herbst hat dabei einen praktischen Vorteil:

Die Pflanze ist häufig noch oberirdisch erkennbar.

Und das ist bei Wurzeln besonders wichtig. Denn eine ausgegrabene braune Wurzel besitzt wesentlich weniger eindeutige Bestimmungsmerkmale als eine Pflanze mit Blättern, Blüten oder Samenständen.


Ist September schon Wurzelzeit?

Ja – bei manchen Pflanzen durchaus.

Allerdings beginnt die Wurzelzeit nicht überall am selben Tag.

An trockenen und sonnigen Standorten können Pflanzen früher mit dem Einziehen beginnen. Nach einem warmen und feuchten Spätsommer bleiben andere dagegen noch lange kräftig grün.

Im September können deshalb nebeneinander stehen:

  • Pflanzen, die noch wachsen

  • Pflanzen mit reifen Samenständen

  • Pflanzen, deren Blätter bereits vergilben

  • Pflanzen, die sich schon deutlich zurückziehen

Unsere wichtigste Regel lautet deshalb:

Nicht nach dem Kalender sammeln, sondern nach der Pflanze schauen.


Zeichen 1: Die Blütezeit ist vorbei

Ein erster Hinweis ist das Ende der Blüte.

Bei vielen Pflanzen ist die oberirdische Hauptaufgabe des Jahres weitgehend erfüllt, wenn:

  • die Blüten verblüht sind

  • Früchte oder Samen ausgebildet wurden

  • kaum noch neue Blüten erscheinen

  • das Wachstum insgesamt langsamer wird

Die Pflanze muss dann nicht sofort erntereif sein. Aber sie bewegt sich langsam in Richtung Ruhephase.


Zeichen 2: Die Blätter verändern sich

Jetzt lohnt sich ein genauer Blick auf das Laub.

Typische Veränderungen können sein:

  • das kräftige Grün wird blasser

  • ältere Blätter vergilben

  • erste Blätter trocknen ein

  • neue Triebe werden seltener

  • die Pflanze wirkt insgesamt weniger üppig

Dabei gilt allerdings: Ein gelbes Blatt allein macht noch keine Wurzelzeit.

Auch Trockenheit, Krankheiten oder Nährstoffmangel können Blattveränderungen verursachen. Entscheidend ist immer das Gesamtbild der Pflanze.


Zeichen 3: Die Pflanze beginnt einzuziehen

Bei vielen mehrjährigen Arten wird irgendwann deutlich sichtbar, dass die oberirdische Vegetationsperiode endet.

Die Pflanze:

  • bildet kaum noch neue Blätter

  • verliert ältere Pflanzenteile

  • wird kleiner und trockener

  • zieht sich zunehmend Richtung Boden zurück


Das ist bei vielen Arten ein deutlicher Hinweis darauf, dass die klassische Herbst-Wurzelzeit näher rückt.


Zeichen 4: Samen und Früchte sind weitgehend ausgereift

Auch die Samenbildung kann uns Orientierung geben.

Solange eine Pflanze noch viel Energie in Blüte und Samenentwicklung steckt, befindet sie sich mitten in ihrer oberirdischen Saison.

Sind dagegen:

  • Samenstände weit entwickelt

  • Früchte reif

  • Blüten längst verschwunden


und gleichzeitig beginnt das Laub einzuziehen, treffen mehrere typische Merkmale der beginnenden Wurzelzeit zusammen.


Nicht warten, bis die Pflanze völlig verschwunden ist

Das klingt zunächst widersprüchlich:

Für viele Wurzeln möchten wir warten, bis die Pflanze sich zurückzieht – gleichzeitig dürfen wir nicht so lange warten, dass wir sie nicht mehr sicher erkennen können.

Genau deshalb ist der September ein spannender Lernmonat.

Jetzt kannst du Pflanzen:

  • sicher bestimmen

  • beobachten

  • fotografieren

  • Standorte kennenlernen

  • Blätter und Samenstände vergleichen

  • später wiederfinden

Das ist besonders wertvoll, wenn du im Oktober noch einmal an denselben Standort zurückkehrst.


Mehrere frisch geerntete Löwenzahnwurzeln mit Blättern und einer gelben Blüte auf einem Holzbrett.

Bestimmen kommt immer vor dem Graben

Eine der wichtigsten Regeln der Wurzelkunde lautet:

Die Pflanze muss sicher bestimmt sein, bevor die Wurzel aus der Erde kommt.

Eine Wurzel allein ist oft kein zuverlässiges Bestimmungsmerkmal.

Viele Pflanzenwurzeln sind:

  • braun oder beige

  • länglich

  • verzweigt

  • fleischig

  • holzig

  • äußerlich erstaunlich ähnlich

Nutze deshalb die oberirdischen Merkmale:

  • Blattform

  • Blattstellung

  • Stängel

  • Wuchsform

  • Samenstände

  • verbliebene Blütenmerkmale

  • Standort

Und wenn die Bestimmung nicht zweifelsfrei ist, bleibt die Pflanze stehen.


Löwenzahn – ein guter Beobachtungskandidat

Löwenzahn gehört zu den bekanntesten Wildpflanzen und eignet sich gut, um die Veränderungen im Herbst zu beobachten.

Typisch sind:

  • eine bodennahe Blattrosette

  • gezähnte Blätter

  • hohle Blütenstiele

  • gelbe Blütenköpfe

  • Milchsaft

  • eine kräftige Pfahlwurzel


Im Herbst verändert sich die Rosette zunehmend und das Wachstum wird schwächer.

Wer Löwenzahn im eigenen Garten hat, kann dort besonders gut verfolgen, wie sich die Pflanze vom aktiven Sommerwachstum in Richtung Ruhephase entwickelt.


Wegwarte – jetzt zahlt sich Pflanzenkenntnis aus

Die Wegwarte fällt im Sommer durch ihre wunderschönen hellblauen Blüten auf.

Später im Jahr verschwinden diese auffälligen Merkmale zunehmend.

Gerade an ihr zeigt sich, warum es sinnvoll ist, Pflanzen nicht erst zur Erntezeit kennenzulernen.

Wer die Wegwarte schon während der Blüte beobachtet hat, kann ihren Standort im Herbst wesentlich leichter wiedererkennen.

Die Wurzelzeit beginnt also manchmal schon Monate vorher – mit genauem Hinschauen.


Nahaufnahme frisch ausgegrabener Wurzeln mit grünen Blättern auf grauem Holzhintergrund.

Große Klette – nicht nur der Monat zählt

Bei der Klette wird deutlich, dass auch das Alter der Pflanze eine Rolle spielt.

Kletten sind zweijährig.

Im ersten Jahr bilden sie vor allem eine große Blattrosette und eine kräftige Wurzel.

Im zweiten Jahr entwickeln sich:

  • hohe Stängel

  • Blüten

  • die bekannten Klettenfrüchte

  • Samen

Für die traditionelle Nutzung der Wurzel werden deshalb eher jüngere Pflanzen betrachtet.

Das zeigt:

„Es ist Herbst“ reicht als Erntekriterium nicht aus. Man muss auch den Lebenszyklus der Pflanze verstehen.


Mehrere lange, frisch geerntete Wurzeln mit grünen Blättern auf naturfarbenem Stoff.

Meerrettich – ideal zum Lernen im eigenen Garten

Wer das Thema Wurzeln zunächst ganz praktisch kennenlernen möchte, hat mit Meerrettich im eigenen Garten einen guten Lernpartner.

Hier kannst du beobachten:

  • wie sich die Pflanze im Laufe des Jahres verändert

  • wann die Blätter zurückgehen

  • wie tief die Wurzel wächst

  • wie sich junge und ältere Wurzeln unterscheiden

Der eigene Garten ist für erste Wurzelerfahrungen ohnehin besonders angenehm: Pflanzenart, Standort und Eigentumsfrage sind bekannt.


Und was ist mit Baldrian, Beinwell & Co.?

Auch Baldrian, Beinwell und andere bekannte Pflanzen besitzen traditionell genutzte unterirdische Pflanzenteile.

Hier wird allerdings besonders deutlich, dass Wurzelsammeln nicht automatisch Wurzelanwenden bedeutet.

Die sichere Bestimmung ist nur der erste Schritt.

Danach muss ebenso geklärt sein:

  • welcher Pflanzenteil traditionell verwendet wird

  • wie er verarbeitet wird

  • ob eine innerliche Anwendung überhaupt sinnvoll ist

  • welche Einschränkungen oder Gegenanzeigen bestehen

Beinwell beispielsweise enthält Pyrrolizidinalkaloide und sollte nicht einfach als harmlose Küchen- oder Teewurzel betrachtet werden.

Wurzelkunde bedeutet deshalb immer auch: wissen, wann man etwas besser nicht verwendet.


Der Standort verrät ebenfalls etwas

Nicht nur die Pflanze selbst entscheidet über den Erntezeitpunkt.

Auch der Boden spielt eine Rolle.

Leicht feuchte, lockere Erde lässt sich später wesentlich angenehmer bearbeiten als völlig ausgetrockneter oder durchnässter Boden.

Ein guter Zeitpunkt liegt häufig:

  • nach etwas Regen

  • aber nicht mitten in einer längeren Regenperiode

  • bei lockerem, gut bearbeitbarem Boden

Sehr harter Boden erhöht das Risiko, lange Pfahlwurzeln abzubrechen.

Sehr nasser Boden hingegen wird schnell verdichtet und erschwert sauberes Arbeiten.


Beobachten statt vorschnell sammeln

Gerade im September muss noch nicht jede geeignete Pflanze sofort ausgegraben werden.

Manchmal ist die beste Entscheidung:

Noch zwei Wochen warten.

Fotografiere die Pflanze, merke dir den Standort und schau später wieder vorbei.


Dabei kannst du beobachten:

  • Wie schnell vergilben die Blätter?

  • Bildet sie noch neue Triebe?

  • Sind die Samen bereits reif?

  • Wie stark zieht sie sich zurück?

So entsteht ein Gefühl für den Jahresrhythmus der Pflanze – und genau dieses Wissen lässt sich durch keinen starren Sammelkalender ersetzen.


Wurzeln sammeln bedeutet mehr Verantwortung

Bei Blättern, Blüten oder Früchten kann die Pflanze häufig weiterleben.

Beim Entfernen der Hauptwurzel sieht das anders aus.

Deshalb sollte bei Wurzeln besonders zurückhaltend gesammelt werden.

Kleine Bestände bleiben vollständig stehen. Geschützte Pflanzen werden selbstverständlich nicht gesammelt. Und auch bei häufigen Arten sollte nur entnommen werden, was tatsächlich gebraucht wird.

Die praktische Ernte, das richtige Werkzeug und die weitere Verarbeitung schauen wir uns ausführlich in einem eigenen Beitrag zur Wurzelzeit im Oktober an.


Unsere bisherigen Beiträge zur Wurzelzeit

Wenn du vorher schon tiefer in einzelne Wurzeln und ihre traditionelle Verwendung einsteigen möchtest, findest du auf unserem Blog bereits weitere Beiträge zum Thema.

Zum Beispiel:

Hier kannst du einzelne Pflanzen und frühere Themen rund um Verarbeitung und traditionelle Anwendung vertiefen.

So ergänzt dieser neue Beitrag die bestehende Reihe um eine ganz praktische Frage:

Woran erkenne ich überhaupt, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist?


Fünf Zeichen für die beginnende Wurzelzeit

Als kleine Merkhilfe kannst du auf diese Kombination achten:

  1. Die Hauptblüte ist beendet.

  2. Samen oder Früchte sind weitgehend entwickelt.

  3. Die Pflanze bildet kaum noch neue Triebe.

  4. Die Blätter beginnen zu vergilben oder einzuziehen.

  5. Die gesamte Pflanze geht sichtbar in ihre Ruhephase über.

Treffen mehrere dieser Punkte zusammen, kann bei vielen mehrjährigen Pflanzen die Wurzelzeit beginnen.

Die jeweilige Pflanzenart bleibt aber immer entscheidend.


Kleine Wurzel-Checkliste für September

Bevor du überhaupt ans Ausgraben denkst, frage dich:

  1. Habe ich die Pflanze zweifelsfrei bestimmt?

  2. Kenne ich ihren Lebenszyklus?

  3. Ist die Blüte- und Samenzeit weitgehend abgeschlossen?

  4. Beginnt die Pflanze sichtbar einzuziehen?

  5. Ist jetzt für genau diese Art ein sinnvoller Erntezeitpunkt?

  6. Ist der Standort geeignet und das Sammeln dort erlaubt?

  7. Weiß ich, wofür ich die Wurzel später verwenden möchte?


Ist etwas davon unklar, darf die Pflanze noch ein wenig länger in der Erde bleiben.


Kräftige braune Wurzeln mit feinen Seitenwurzeln und grünen Blättern auf einer grauen Holzoberfläche.

Du möchtest die Wurzelzeit draußen kennenlernen?

Wurzeln sind ein spannendes, aber auch anspruchsvolleres Kapitel der Kräuterkunde.

Gerade wenn Blüten verschwunden sind und sich Pflanzen langsam zurückziehen, wird die Bestimmung draußen noch einmal ganz anders.

Ab Oktober bieten wir deshalb wieder unsere Wurzelführungen an.

Gemeinsam schauen wir uns an, welche Pflanzen jetzt interessant werden, woran sie noch zu erkennen sind und wie sich die Wurzelzeit draußen tatsächlich zeigt.

Die Führungen eignen sich sowohl für alle, die sich beim Thema Wurzeln noch unsicher fühlen, als auch für diejenigen, die einfach neugierig sind und ein neues Kapitel der Pflanzenwelt kennenlernen möchten.


Jetzt beginnt eine andere Art des Sammelns

Die Wurzelzeit lädt dazu ein, langsamer hinzusehen.

Nicht jede Pflanze muss sofort geerntet werden.

Manchmal beobachten wir zunächst nur, wie sich ihr Grün verändert, wie die Samen ausreifen und wie sie sich Stück für Stück in Richtung Erde zurückzieht.

Und irgendwann zeigt die Pflanze selbst:

Für dieses Jahr wird es oberirdisch ruhiger.

Genau dann beginnt für uns eine neue Perspektive.

Denn Pflanzenwissen bedeutet nicht nur zu wissen, was wir sammeln können – sondern auch zu erkennen, wann die richtige Zeit dafür gekommen ist.


Im nächsten Beitrag …

… wechseln wir wieder zurück in die Küche.

Dann geht es um Kräuteressig selber machen: Welche Kräuter eignen sich dafür, wie gelingt ein aromatischer Ansatz und worauf solltest du bei Herstellung und Aufbewahrung achten?

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